Die teure Schweizer Geduld

Was als «Missstand» zu bezeichnen ist, darüber kann man geteilter Meinung sein. Jedes Jahr Abermillionen Franken zu viel auszugeben für Leistungen, die in gleicher Qualität auch günstiger zu haben wären – das bekäme wohl von den meisten das Prädikat «Missstand».

Die Krankenversichererin Helsana hat der siebten Auflage ihres jährlich publizierten Arzneimittelreports jedenfalls folgendes Zitat der ehemaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher vorangestellt: «Geduld ist eine gute Eigenschaft. Aber nicht, wenn es um die Beseitigung von Missständen geht.» Es ist anzunehmen, dass die Autoren des Arzneimittelreports dies unter anderem auch auf den Einsatz der Biosimilars in der Schweiz beziehen. Denn die Helsana-Daten zum Schweizer Arzneimittelmarkt im Jahr 2019 bestätigen einmal mehr das schleppende Wachstum der Biosimilars und ihr immenses ungenutztes Sparpotenzial.

Vom Marktumsatz aller Biologika mit verfügbaren Biosimilars und der dazugehörigen Biosimilars machten die Nachahmerprodukte nur gerade 9.4% aus (42 von 449 Millionen Franken). Die Modelberechnungen zeigen, dass über den Zeitraum von 2015 bis 2019 188 Millionen Franken hätten gespart werden können, wenn konsequent die auf dem Markt verfügbaren Biosimilars anstelle der Originale verwendet worden wären. Das ungenutzte jährliche Einsparpotenzial stieg über die Jahre an und betrug 2019 schliesslich 60 Millionen Franken.

Die nach Wirkstoff und Jahr aufgeschlüsselten Helsana-Daten (Medikamentenbezüge über die Grundversicherung) erlauben einen differenzierten Blick auf die Entwicklung der verschiedenen Original-Biologika und ihrer Biosimilars in der Schweiz. Hier einige Beispiele:

Infliximab: das zarte Pflänzchen

Das erste Infliximab-Biosimilar kam Anfang 2016 auf den Markt, ein zweites einige Monate später. Zusammen erreichen die beiden nach einem langsamen, aber stetigen Wachstum mittlerweile einen Anteil von 17.4% (bezogen auf die Kosten, d.h. Brutto-Versicherungskosten) bzw. 22% (bezogen auf die Medikamentenbezüge, d.h. in der Regel Anzahl Packungen).

Etanercept und Rituximab: die Schnellstarter

Bei beiden Wirkstoffen sind die Originale seit mindestens 10 Jahren auf dem Markt. Beide bekamen Mitte 2018 durch ein Biosimilar Konkurrenz. Und beide Biosimilars erreichten bereits 2019 vielversprechende Anteile von 13.1% (Etanercept) und 15.8% (Rituximab) (Kosten) bzw. 17.1% und 19.9% (Bezüge). Bleibt zu hoffen, dass die Bedeutung dieser Biosimilars so weiterwächst.

Filgrastim: die Erfolgsstory

Filgrastim gehörte zu den ersten biosimilarfähigen Wirkstoffen in der Schweiz. In 2010 kam das erste Biosimilar auf den Markt, zwei weitere gesellten sich wenig später dazu. Diese vereinte Konkurrenz schaffte es im 7. Jahr (!) seit Einführung des ersten Biosimilars, den Kostenanteil des Originals auf unter 50% zu drücken. Trotz mittlerweile fünf gleichwertigen Produkten auf dem Markt, hält das Originalprodukt zwar immer noch einen Drittel des Filgrastim-Gesamtumsatzes – aber immerhin!

Die Autoren des Arzneimittelreports ziehen aus den Marktdaten 2019 folgendes Fazit: «Die erhoffte Dynamik durch die Markteinführung von Biosimilars kam noch immer nicht recht in Gang». Dem können wir uns nur anschliessen. Der Bericht nennt folgende Gründe für die trägen Verhältnisse:

  • Sicherheitsbedenken: Obwohl die Sicherheit und Wirksamkeit der Biosimilars hinreichend belegt ist, ist der Wechsel vom Original- auf das Nachahmerprodukt bei vielen noch mit Sicherheitsbedenken verbunden.
  • Fehlender Anreiz für Patienten: Für Patienten entstehen keine finanziellen Nachteile (beispielsweise in Form eines höheren Selbstbehaltes), wenn sie sich gegen einen Therapiestart mit einem Biosimilar oder gegen den Wechsel vom Original zum Biosimilar entscheiden – selbst wenn keine medizinischen Gründe für die Wahl des Originalprodukts vorliegen.
  • Margenverordnung: Den Hauptgrund verorten die Autoren in der derzeit noch gültigen preisabhängigen Marge für die abgebenden Leistungserbringer. Weil sie am teureren Originalprodukt mehr verdienen, besteht wenig Anreiz für den Griff zur günstigeren Therapie. Dieser Fehlanreiz könnte beispielsweise mit einer preisunabhängigen Fixmarge behoben werden. Entwicklungen in diese Richtung sind im Gang.

Der Arzneimittelreport stellt den Vergleich zu Deutschland her, wo der durchschnittliche Biosimilarsanteil 2019 rund doppelt so hoch lag wie in der Schweiz. Bei einzelnen Wirkstoffen wie zum Beispiel Infliximab ist der Biosimilarsanteil innert vergleichbarer Frist drei Mal höher geklettert. Selbstverständlich sind die Rahmenbedingungen in der Schweiz und Deutschland unterschiedlich. Das hat einen entscheidenden Einfluss auf die Marktdurchdringung der Biosimilars. Der Blick über die Landesgrenzen ist auf jeden Fall aufschlussreich.

Ob der «Eisernen Lady» angesichts des gemächlichen Tempos, das die Biosimilars in der Schweiz an den Tag legen, die Geduld abhandenkäme? Wir wissen es nicht. Doch eines ist klar: Network Biosimilars CH arbeitet mit Hochdruck an der Beseitigung dieses, wie wir finden, Missstands.

Von Roger Konrad, Network Biosimilars CH

Zum Helsana Arzneimittelreport 2020

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