Biosimilar oder Original-Biologikum? So ein Käse!

Bald ist wieder Weihnachten und ich möchte alle meine Verwandten mit einem Glas selbstgemachtem Pesto Genovese beschenken. Deshalb stehe ich nun im Supermarkt vor dem Käseregal, im Korb viel Basilikum, Olivenöl, Knoblauch sowie Pinienkerne, und blicke auf unzählige Sorten von Reibkäse. Eigentlich brauche ich ja nur noch Parmesan, aber die Entscheidung ist nicht leicht: 120g Parmigiano kosten Fr. 3.80, 120g Grana Padano hingegen nur Fr. 2.45. Lohnt sich der Aufpreis für das Original? Oder ist die günstigere Alternative vielleicht genauso gut?

Die gleiche Frage stellt sich bei den mittels Biotechnologie hergestellten Arzneimitteln, den Biologika. Ist der Patentschutz eines Original-Biologikums abgelaufen, können Nachahmerprodukte, die Biosimilars, angeboten werden. Biosimilar und Original (Referenzprodukt) können aufgrund der komplizierten Herstellung mittels lebender Zellen zwar nicht absolut identisch sein, doch sie sind sich hochgradig ähnlich. Das Biosimilar darf sich von seinem Referenzprodukt höchstens gleich stark unterscheiden, wie einzelne Produktionschargen des Referenzprodukts untereinander. Die Arzneimittelbehörde Swissmedic prüft diese Gleichwertigkeit zum Referenzprodukt vor der Zulassung eines Biosimilars genau. Darum kommt auch Stephan Krähenbühl, Chef der Arzneimittelkommission am Universitätsspital Basel auf der Internetseite von Rheumaliga zum Schluss:

«Patienten können sich darauf verlassen, dass Biosimilars genauso gut wirken wie Biologika.»

Vor dem Käseregal mit der Wahl zwischen „Original“ und „Kopie“ konfrontiert, starte ich eine Online-Recherche auf der Seite von Betty Bossi und weiteren Instanzen, die sich mit den Feinheiten von Hartkäse auskennen. Ich lerne, dass Parmigiano und Grana Padano eigentlich ähnlich sind und man nicht sagen kann, dass das Original per se besser sei. Viele Faktoren spielen mit. Wichtig sind die Geografie, die Fütterung der Kühe, die Verarbeitung der Milch und die Lagerung des Käses. Nicht alle Parmigiano-Marken sind hochwertiger als die Grana Padanos. Manchmal übertrifft die „Kopie“ auch ihr „Original“. Das freut mich natürlich und da ich Migros vertraue, dass keine minderwertigen Produkte den Weg ins Regal finden, greife ich zum günstigeren Grana Padano.

Wie sieht es nun bei den Biosimilars und ihrem Referenzprodukt aus? Laut verschiedener Expertenberichte werden Biosimilars in der Schweiz kaum eingesetzt. Es werden fast ausschliesslich die teuren Originalprodukte verschrieben. Die Gründe, warum die verschreibenden Ärztinnen und Ärzte nicht auf das Urteil von Swissmedic vertrauen und das Original dem Biosimilar fast durchwegs vorziehen, sind nicht untersucht. Während ich mich an diesem Abend über die paar gesparten Franken freue, steigt das ungenutzte Sparpotenzial der Biosimilars von Jahr zu Jahr an und bewegt sich schon jetzt im dreistelligen Millionenbereich. Da gehen meine beim Käse eingesparten Franken wohl bald für die steigende Krankenkassenprämie drauf.

Nehmen wir nun an, mein selbstgemachtes Pesto wäre ein Erfolg und meine Verwandten schwören völlig darauf. Dann würde ich meinem Rezept selbstverständlich treu zu bleiben und in Zukunft immer dieselben Zutaten verwenden. Ich hätte mit meinem anfänglichen Griff zum Grana Padano anstelle des teureren Parmigianos die Basis für ein nachhaltig finanzierbares Pesto Genovese gelegt. Ich wäre froh, dass ich der Sache auf den Grund gegangen war, anstatt einfach den Parmigiano zu nehmen – in der falschen Überzeugung  von „nur das Beste für meine Verwandten“.

Es stellt sich die Frage, warum wir das bei den biologischen Therapien nicht genauso machen. Schliesslich haben wir mit den Biosimilars absolut gleichwertige, aber deutlich günstigere Alternativen zur Verfügung. Dieser Meinung sind auch andere. Auf der Webseite von Rheumaliga wird Prof. Diego Kyburz, Chefarzt Rheumatologie am Universitätsspital Basel und Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Rheumatologie, folgendermassen zitiert:

«Rheumatologen verschreiben hierzulande noch zu selten ein Biosimilar, vor allem bei der Neueinstellung. Dabei gibt es inzwischen genügend Studien, die zeigen, dass sowohl eine Neueinstellung als auch ein Wechsel bei gleicher Wirksamkeit und Sicherheit möglich sind.»

Da gibt es für mich eigentlich nur noch zu sagen: Mein Pesto mit Grana Padano schmeckt hervorragend!

Von Jonathan Bertschi, Network Biosimilars CH

Teilen