Biosimilars und ihr Referenzprodukt: So ähnlich wie möglich und nötig

Wer seinen Durst gerne mit einem kühlen Bier löscht, hat eine grosse Auswahl an Produkten. Keine zwei Biere schmecken genau gleich – doch ihren «Zweck» erfüllen sie alle. Ähnlich verhält es sich mit Biosimilars und ihren Referenzprodukten. Im aktuellen Blog-Beitrag erfahren Sie, warum ein Biosimilar keine exakte Kopie sein kann.

 Was ist Ihr liebstes Erfrischungsgetränk an heissen Sommertagen? Vielleicht eine Zitronenlimonade? Oder doch lieber ein kühles Bier? Die Limonade lässt sich einfach selber herstellen, beim Bier ist das deutlich anspruchsvoller. Doch es soll hier nicht um die Braukunst gehen. Vielmehr soll der Vergleich von Bier und Limonade veranschaulichen, warum ein Biosimilar keine exakte Kopie seines Referenzprodukts ist, ein Generikum hingegen schon.

Die Hefe macht den Unterschied

Nehmen wir an, dass ein bestimmter Getränkeproduzent im vergangenen Sommer mit seiner Limonade und seinem Bier deutlich erfolgreicher war als alle seine Mitbewerber. Darum möchten diese nun geschmacklich identische Produkte anbieten. Die Zutaten für Limonade und Bier sind kein Geheimnis: Wasser, Zitronensaft und Zucker im einen – Wasser, Gerstenmalz, Hopfen und Hefe im anderen Fall. Nehmen wir weiter an, dass der erfolgreiche Produzent sogar das genaue Herstellungsverfahren seiner beiden «Blockbuster» veröffentlicht hat. Seine Mitbewerber werden mit geringem Aufwand im Stande sein, die Erfolgslimonade zu kopieren. Doch nicht so beim Bier. Egal, wie lange sie probieren, sie können im besten Fall ein sehr ähnliches Bier produzieren. Der Geschmack ihrer Biere wird aber niemals mit demjenigen des Erfolgsbiers identisch sein.

Sie erahnen vielleicht, warum das so ist. Der Grund liegt darin, dass bei der Bierherstellung ein biologischer Vorgang involviert ist. Die Hefe vergärt den Zucker zu Alkohol und Kohlendioxid. Dieser Prozess lässt sich nicht vollständig standardisieren – und auch nicht kopieren, solange der erfolgreiche Produzent nicht seinen Hefepilz rausrückt.

Vom Bier zum Biosimilar

Die sommerliche Analogie verdeutlicht den Unterschied zwischen einem Biosimilar – nämlich dem Bier der Mitbewerber – und einem Generikum – der Limonade der Mitbewerber. Beim Generikum handelt es sich um das Nachahmerprodukt eines Arzneimittels mit chemisch-synthetischem Wirkstoff. Der Wirkstoff des Generikums ist in seiner molekularen Struktur mit dem Wirkstoff des Referenzprodukts absolut identisch. Das ist aus zwei Gründen möglich: Erstens handelt es sich bei der Herstellung um einen standardisierbaren chemischen Prozess und zweitens um verhältnismässig kleine Moleküle.

Ganz anders bei den Biologika, den modernen zielgerichteten Therapien, deren Wirkstoffe mittels biotechnologischer Verfahren aus lebenden Zellen gewonnen werden. Die Wirkstoffe dieser Arzneimittel – häufig sind es Antikörper – sind um ein Vielfaches grösser und komplexer als chemisch-synthetische Wirkstoffe. Trotzdem kann ihr Bauplan mit modernen Methoden bis ins Detail analysiert werden. Was Firmen, die im Begriff sind, für ein patentauslaufendes Original-Biologikum ein Biosimilar zu entwickeln, selbstverständlich auch tun. Sie werden es jedoch – nach aktuellem Stand der Technik – nie schaffen, den analysierten biologischen Wirkstoff identisch nachzubauen.

Die Natur lässt sich nicht «standardisieren»

Das liegt daran, dass bei der Herstellung von Biologika – wie beim Bierbrauen – die Natur mit im Spiel ist. Die Vorgänge in lebende Organismen wie Bakterien oder Zellkulturen lassen sich nicht soweit kontrollieren, dass die Zellprodukte immer 100%-ig gleich sind. Ein gewisses Mass an «naturgegebener» Variabilität ist unvermeidbar – und betrifft im Übrigen auch das Referenzprodukt. Bei jedem Biologikum unterscheiden sich die verschiedenen Batches aus derselben Produktionsstätte geringfügig von einander.

Weil exaktes Kopieren nicht möglich ist, spricht man bei den Nachahmerprodukten von biotechnologisch hergestellten Arzneimitteln nicht von Generika, sondern eben von Biosimilars. «Biosimilar» ist ein Schachtelwort aus den englischen «biologic» für den biologischen bzw. biotechnologischen Herstellungsprozess und «similar», was die Ähnlichkeit zum Originalprodukt ausdrückt.

Dennoch so ähnlich, wie nötig

Doch «ähnlich» sagt noch nichts über den Grad der Gemeinsamkeiten aus. Wie ähnlich ein Biosimilar seinem Referenzprodukt sein muss, damit es von einem vereinfachten Zulassungsverfahren profitieren und die Zulassung des Referenzprodukts gewissermassen «erben» kann, hat die Schweizer Zulassungsbehörde Swissmedic genau festgeschrieben. Die Variabilität zwischen Biosimilar und Referenzprodukt muss sich in den gleichen engen Grenzen bewegen, wie innerhalb des Referenzprodukts zwischen den einzelnen Produktionsbatches. In beiden Fällen darf die Variabilität nur Komponenten des Wirkstoffmoleküls betreffen, die nicht für dessen Wirksamkeit und Sicherheit verantwortlich sind. So ist sichergestellt, dass ein Biosimilar seinem Referenzprodukt so ähnlich wie nötig ist und damit eine sichere und gleichwertige Therapiealternative darstellt.

Mehr zum Zulassungsverfahren von Biosimilars in der Schweiz: Zulassung
Mehr zu den Unterschieden zwischen Biosimilars und Generika: Vergleich mit Generika

Von Roger Konrad, Network Biosimilars CH

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